Taktlos.
Berlin, 2025
Ich saß schon da, als er hereinkam.
Später Abend.
Ich hatte nichts bestellt.
Er kam direkt auf mich zu und fragte, was ich trinken wolle.
Ich zögerte.
Nicht, weil ich unschlüssig war, sondern weil ich nicht vorbereitet war.
Nicht vorbereitet, weil es mir gleichgültig war.
Gleichzeitig wusste ich, dass ihn zu langes Zögern nervös machen würde.
Also sagte ich: Bring mir gerne einfach einen Weißwein mit.
Er kam mit zwei vollen Gläsern zurück.
Wir stießen an.
Und hörten nicht mehr auf zu reden.
Es war eines dieser Gespräche, die keinen Rhythmus brauchen.
Kein Ansetzen.
Kein Pausieren.
Gedanken fielen ineinander, Sätze blieben offen, wurden aufgefangen.
Währenddessen bemerkte ich seinen Blick.
Nicht auf mich. Auf mein Glas.
Ich trank langsam.
Nicht absichtlich.
Einfach, weil da diese Gleichgültigkeit war.
Einfach, weil mein Körper keinen Grund zur Eile sah.
Er sprach es an.
Einmal als Frage.
Dann als Aufforderung.
Warum trinkst du so langsam?
Trink doch mal.
Ich nahm eine Nervosität wahr, die nichts mit mir zu tun hatte.
Eher mit dem, was nicht kontrollierbar war.
Wir redeten weiter.
Ununterbrochen.
Dann sagte er plötzlich, mitten im Satz:
Schau mal, die Frauen da drüben sitzen schon seit einer Viertelstunde hier und haben noch nichts getrunken.
Ich sah hin.
Ich sah nicht hin.
Ich wusste in diesem Moment nicht, ob er über sie sprach.
Oder über Ordnung.
Oder über Zeit.
Oder darüber, dass sich Dinge in einer bestimmten Abfolge zu bewegen haben.
Über Synchronizität.
Oder ihr Fehlen.
Ich trank einen Schluck.
Langsam.
Der Wein wurde nicht weniger.
Aber der Raum wurde enger.


